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Abkommen mit DamaskusKurdische Kämpfer verlassen Aleppo

Die autonome Verwaltung der Kurden im Nordosten Syriens ist unzufrieden. Trotzdem wird ein Abkommen zur Eingliederung in den syrischen Staat umgesetzt.

Qamishli, Syrien: Eine Wand mit Flaggen der „Volksverteidigungseinheiten“ YPG und YPJ entlang im Dezember 2024 Foto: Orhan Qereman/reuters

Aleppo dpa | In Syrien ziehen sich Kämpfer der kurdischen YPG-Miliz aus der Stadt Aleppo zurück und setzen so Abmachungen eines Abkommens mit der neuen syrischen Regierung um. Den Rückzug bestätigten kurdische Quellen auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Demnach sollen sich die Einheiten in Richtung des Gebiets östlich des Euphrat bewegen. Auch die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana meldete, ein erster Konvoi habe sich aus Aleppo auf den Weg in den Osten des Landes gemacht.

Der Rückzug aus den seit 2014 von der YPG gehaltenen Stadtteilen der Millionenmetropole stellt den ersten Teil einer Vereinbarung zwischen der Regierung in Damaskus und den von der YPG dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) dar. Die SDF kontrollieren und verwalten bislang weite Teile im Nordosten des Landes.

Der Vereinbarung zufolge sollen die SDF-Einheiten vollständig in die nach dem Sturz des Langzeitmachthabers Baschar al-Assad neu gebildeten syrischen Streitkräfte integriert werden. Auch die zivile Infrastruktur soll demnach unter die Kontrolle der Regierung gebracht werden. Im Gegenzug sicherte Damaskus den Kurden in Syrien die Einhaltung ihrer Bürgerrechte und ein Rückkehrrecht für Vertriebene zu.

Abkommen soll trotz Kritik umgesetzt werden

Trotz scharfer Kritik der autonomen Verwaltung im Norden und Osten Syriens an dem von der syrischen Regierung vorgelegten Verfassungsentwurfs und dem Kabinett von Übergangspräsident Ahmad al-Scharaa soll das Abkommen nun umgesetzt werden.

Nach Angaben der in Großbritannien ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte ist auch ein Gefangenenaustausch Teil dieser ersten Phase der Umsetzung des Abkommens. Demnach wurden 146 Gefangene der SDF gegen 97 mit der Regierung verbündete Kämpfer ausgetauscht.

Die bislang von den USA unterstützten SDF galt als wichtigste Kraft, die sich der Terrormiliz Islamischer Staat entgegenstellte. Die Türkei sieht die YPG jedoch als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit als terroristische Organisation, die sie bekämpft.

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5 Kommentare

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  • "Die Türkei sieht die YPG jedoch als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit als terroristische Organisation, die sie bekämpft."

    Da die Türkische Regierung inzwischen alle Kritischen Journalist*innen und Bürger*innen unter Terrorismusverdacht stellt, ist es müßig darauf hinzuweisen, wen Herr Erdogan als seine Feinde betrachtet.

    Allerdings wird es für Deutschlands Politisch-Verantwortliche so langsam Zeit, mal klar zu entscheiden, auf welcher Seite wir stehen.



    Das ewige Taktieren ist auf lange Sicht erbärmlich und nicht zielführend.

  • Das beste was die kurdische Partei in "Rohjava" realistischerweise erreichen kann ist ein geregelter Autonomiestatus innerhalb Syriens, vergleichbar mit der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Ein Bruch des gerade geschlossenen Abkommens oder die Ausrufung eines Unabhängigen Staates wird von der Türkei aber auch den neuen Machthabern in Damaskus einen willkommen Vorwand zum Angriff liefern. Ich bezweifel auch stark dass nach 12 Jahren Bürgerkrieg und Interventionen der Türkei in der kurdischen Bevölkerung grosse Unterstützung zu finden sein wird allein für nationalistische Prinzipien einen aussichtslosen Kampf zu führen.

    • @MaCo:

      Das Ziel der Kurden in Rojava ist schon seit längerem ein Autonomiestatus innerhalb Syriens. Das Ganze versteht sich durchaus als multiethnisches und nicht kurdisch-nationalistisches Projekt. Es gibt in der SDF nicht nur kurdische Kämpfer*innen.



      Mit ihren Waffen geben die Milizen allerdings ihr einziges Machtmittel aus der Hand und ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist. Auf die neuen syrischen Machthaber können sich die Kurden sowenig verlassen als auf die USA.



      Das ewige kurdische Dilemma, leider...

  • Es kommt jetzt darauf an, dass auch die neue syrische Regierung sich an die Vereinbarungen mit den Kurden hält. Das wird umso besser gelingen, je mehr internationale Unterstützung Syrien beim Aufbau innenpolitisch stabiler Verhältnisse erhält.



    Aber ob solche Nachbarn wie Israel und die Türkei daran interessiert sind?

    • @Abdurchdiemitte:

      An innenpolitisch stabilen Verhältnissen in Syrien sind Israel und insbesondere die Türkei vermutlich - nach der syrischen Bevölkerung - am meisten interessiert. Allerdings auch daran, dass diese Verhältnisse ihnen nützen.